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    Die Verfolgung von als “Zigeunern” bezeichneten Menschen beginnt in Europa im späten 15. Jahrhundert. Während der Krise des Feudalismus werden sie zum ersten Mal als vogelfrei erklärt. Im Prozess der Durchsetzung des Territorialstaats und kapitalistischer Ökonomie gelten die vermeintlich vagabundierenden Teile der Bevölkerung als politische Gefahr und ökonomisch unnütz. Im 18. Jahrhundert kam es , im Zuge der Aufklärung, zu einer eindeutigen “Rassifizierung” des Zigeunerstereotyps. Bekanntlich setzte sich in der Aufklärung die Meinung durch, dass nur die “weiße Rasse” zur Zivilisation fähig sei. “Zigeuner” wurden nun zu einer “primitiven Rasse” gemacht und Immanuel Kant stellte fest, dass sie auf Grund ihrer “indischen Hautfarbe” keine Anlage zur Tätigkeit hätten. Soziale und rassistische Diskriminierung verschränkten sich in der Folge wesentlich im Zigeunerstereotyp. Gleichzeitig hatte dieses Stereotyp schon immer deutlich romantische Elemente. “Zigeuner” standen auf diffuse Weise für ungehemmte Freiheit. Nicht zuletzt über Musik und Tanz (Stichwort ‘Carmen’) speiste sich diese romantische Dimension.
    Was die geschlechtliche Konnotation des Antiziganismus betrifft, so wurde die “Zigeunerin” als Gegenbild zur züchtigen Hausfrau, Ehefrau und Mutter konstruiert, welche im Reproduktionsbereich komplementär zum Ideal des disziplinierten Lohnarbeiters gedacht wurde. Die “Zigeunerin” stellte man hingegen in erster Linie als sexuell verführerisch und hexenhaft vor.
    Der Antiziganismus gipfelte im Porajmos, der hunderttausendfachen Ermordung von Sinti_za, Romni_ja und anderen im Nationalsozialismus und ist bis heute oft tödliche Realität in ganz Europa.
    Ausgehend davon wird Roswitha Scholz die Zusammenhänge kapitalistischer Ökonomie, patriarchaler Gesellschaft und antiziganistischer Ausgrenzung thematisieren. Es soll unter anderem darum gehen, wie “Zigeuner” als Gegenbild zum idealen arbeitenden Staatsbürger inszeniert werden und welche romantisierenden Bilder sich daran anschließen. Gerade im Zusammenhang mit der aktuellen ökonomischen Krise stellt sich die Frage, wie das ökonomische Überflüßigwerden eines großen Teils der Bevölkerung und der Antiziganismus zusammenhängen und in wie fern von einem strukturellen Antiziganismus gesprochen werden kann.

    Roswitha Scholz ist freie Publizistin und schreibt unter anderem für die Phase 2 und die wertabspaltungstheoretische Zeitschrift “Exit”.

    Kafe Marat (Thalkirchner Straße 102) | 06.01.2011 @ 20:00