In Erinnerung an Corinna Tartarotti

Am 7. Januar 1984 betreten zwei junge Männer die Diskothek „Liverpool“ in der Schillerstraße 11a, ganz in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs. Mit zwei Benzinkanistern setzen sie den Eingangsbereich in Brand. Mehrere Menschen in der Diskothek werden bei dem Anschlag verletzt, darunter die 20-jährige Barangestellte Corinna Tartarotti. Nach mehreren Monaten im Krankenhaus erliegt sie ihren schweren Verletzungen. Während die Polizei zunächst im „Rotlicht-Milieu“ ansetzt, flankiert die Lokalpresse die Ermittlungen mit reißerischen Berichten über „Münchens sündige Meilen“. Schließlich erreicht die italienische Nachrichtenagentur ANSA ein mit Reichsadler und Hakenkreuz versehenes Schreiben, in dem sich eine „Gruppe Ludwig“ zu der Tat bekennt. Es ist nicht ihr erstes Schreiben und der Anschlag in München nicht ihr erster mörderischer Terrorakt. Bald darauf werden in einer Disko im oberitalienischen Castiglione delle Stiviere zwei Männer bei dem Versuch, einen Brand inmitten hunderter feiernder junger Menschen zu legen, überwältigt. Es ist der letzte Akt in einer blutigen Terrorserie, der zwischen 1977 und 1984 fünfzehn Menschen in Italien und Deutschland zum Opfer fallen. Die Gewalt der „Gruppe Ludwig“ richtet sich gegen Wohnungslose, Homosexuelle, gegen Menschen, die sich in den Augen der Täter sündig verhalten, darunter auch Geistliche. Vieles an der Mordserie bleibt bis heute im Dunkeln, etwa ob die „Gruppe Ludwig“ tatsächlich lediglich aus zwei Personen bestand, inwieweit sie in breitere Netzwerke eingebunden agierte, wer sie unterstützt hat. Die Geschichte der „Gruppe Ludwig“ ist ein bis heute kaum beachtetes Kapitel in der Geschichte des rechten Terrors. 
An den Anschlag in der Münchner Schillerstraße, seine politischen Hintergründe und den Tod von Corinna Tartarotti erinnert über viele Jahre nichts, keine Gedenktafel, kein Hinweisschild. Es ist vor allem der kontinuierlichen Arbeit der „Antisexistischen Aktion München“ zu verdanken, dass die Tat ein Stück weit dem Vergessen entrissen wurde. Mit einer Reihe von Veranstaltungen, mit Versammlungen und Recherchen wurde das Erinnern sichtbar gemacht, dem Verdängen und der Entpolitisierung eine konsequente antifaschistische und feministische Perspektive entgegengesetzt. 
Über zwei Jahre hatte zuletzt die Stadt München das Gedenken ausgerichtet, mittlerweile hat sie sich daraus wieder zurückgezogen. Am 7. Januar 2026 wird das Erinnern durch die Antisexistische Aktion München und die Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e. V. organisiert. Die Kundgebung beginnt um 18 Uhr am Tatort in der Schillerstraße.
Antifaschistisches Gedenken und Erinnern darf sich nicht darin genügen, in ritualisierten Pflichtübungen darüber zu sprechen, was passiert ist. Es muss sich damit auseinandersetzen, ob das was passiert ist, weiterhin möglich ist und welche Bedingungen dafür sorgen. In München blicken wir auf eine lange Geschichte des rechten Terrors zurück und diese ist geprägt vom Verdrängen und Verharmlosen der Gewalt, von der Entpolitisierung der Taten und von „Einzeltätern“. Sie ist geprägt von einer ausbleibenden Solidarisierung mit den Opfern, mit Hinterbliebenen und Betroffenen rechter Gewalt. Diese Kontinuitäten tragen ihren Teil dazu bei, rechten Terror wieder und wieder möglich zu machen. Denn der Antrieb dieser Gewalt lebt weiter fort. Rassismus, Antisemitismus, Misogynie, Queer- und Transfeindlichkeit, die Abwertung alles Abweichenden sind nicht verschwunden, ganz im Gegenteil. Antifaschistisches und feministisches Gedenken muss deshalb immer auch einen Fokus auf die Gegenwart legen. Erinnern heißt kämpfen! 
Kommt zum Gedenken am 7. Januar.
Wir gedenken an diesem Tag auch Oury Jalloh, der am 7. Januar 2005 in einer Dessauer Polizeizelle schwer misshandelt und verbrannt wurde.